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Die Job-Kluft im Gastgewerbe: Warum ausgerechnet die Chefs am längsten arbeiten

Vertiefung

23. Juli 2026, Wiesbaden. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht seine Pressemitteilung Nr. 263 zum Mikrozensus 2025 – und liefert eine Zahl, die sich mit jeder Erfahrung aus der Hotellerie deckt, ohne dass sie bisher so klar belegt war: 7,1 Prozent aller rund 30 Millionen Vollzeit Erwerbstätigen in Deutschland arbeiteten 2025 gewöhnlich 49 Stunden oder mehr pro Woche. Das sind gut 2,1 Millionen Menschen. Der Durchschnitt aller Vollzeitbeschäftigten liegt bei 40,2 Wochenstunden – die überlange Arbeitszeit beginnt also spürbar oberhalb dessen, was als normale Vollzeitstelle gilt.

Entscheidend ist, wer diese Stunden leistet. Bei Selbstständigen mit Beschäftigten liegt der Anteil überlanger Arbeitszeiten bei 44,5 Prozent – fast jeder zweite. Bei Solo-Selbstständigen sind es 23,0 Prozent. Bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern dagegen nur 4,1 Prozent, statistisch also etwa jeder Fünfundzwanzigste. Wer ein Team führt und gleichzeitig unternehmerisch verantwortlich ist, arbeitet demnach mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit überlang als die Menschen, die diesem Betrieb angehören.

Die Zahlen zeigen noch eine zweite Kluft, die für die Einordnung wichtig ist: Während die Führungsebene überlastet ist, sind gleichzeitig 4,9 Prozent der gut 13 Millionen Teilzeitbeschäftigten – umgerechnet rund 640.000 Menschen – unfreiwillig in Teilzeit, weil sie keine Vollzeitstelle gefunden haben. Arbeit ist in Deutschland damit auf beiden Enden ungleich verteilt: zu wenig für die einen, deutlich zu viel für die anderen. Für Betriebe bedeutet das im Umkehrschluss: Das Arbeitszeit Problem der Führungsebene lässt sich nicht automatisch durch mehr Personal lösen, wenn gleichzeitig Teilzeitkräfte ungenutzte Kapazität mitbringen, die durch Struktur besser eingebunden werden könnte, statt zusätzliche Vollzeitstellen zu schaffen, die der Arbeitsmarkt aktuell ohnehin nur schwer hergibt.

Besonders aufschlussreich für das Gastgewerbe ist ein weiterer Befund der Erhebung: Selbstständige mit Beschäftigten arbeiten deutlich häufiger auch am Abend. 30,8 Prozent von ihnen waren 2025 regelmäßig zwischen 18 und 23 Uhr tätig, bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nur 13,4 Prozent. In einer Branche, die ohnehin über Schichten bis in die Nacht organisiert ist, verschärft sich dieser Unterschied zusätzlich – die Abendstunden, in denen das Haus voll ist und Gäste am meisten Betreuung brauchen, sind für Inhaberinnen, Inhaber und Geschäftsführungen häufig reguläre Arbeitszeit, nicht Ausnahme.

Auch das Alter spielt eine Rolle: Nur 1,4 Prozent der 15- bis 24-Jährigen in Vollzeit arbeiteten überlang, bei den 55- bis 64-Jährigen waren es 9,6 Prozent. Da Führungspositionen statistisch eher von älteren und – mit einem Frauenanteil von nur 30,3 Prozent an allen Führungspositionen 2025 – eher von männlichen Erwerbstätigen besetzt werden, bündeln sich die überlangen Arbeitszeiten zusätzlich genau dort, wo Entscheidungen für ganze Teams getroffen werden.

Reflektion

Die nüchterne Frage lautet: Warum sammeln sich die Überstunden gerade bei denen, die eigentlich delegieren könnten? Ein Teil der Antwort liegt in einem Muster, das in der Führungsforschung als Reverse Delegation bezeichnet wird – Mitarbeitende schieben Entscheidungen und Rückfragen zurück an die Führungskraft, oft unbewusst, weil klare Entscheidungsregeln fehlen. Jede einzelne Rückfrage kostet für sich genommen nur eine Minute. In der Summe füllt sie ganze Arbeitstage, die dann am Abend, wenn das Haus tatsächlich läuft, in operative Präsenz statt in strategische Führungsarbeit münden.

Ein zweiter Teil der Antwort ist kulturell. In inhabergeführten und mittelständischen Hotels gilt Dauerpräsenz häufig unausgesprochen als Führungs Tugend: Wer im Haus ist, kümmert sich; wer geht, überlässt das Feld. First-Time-Leader übernehmen dieses Bild oft unreflektiert von der Führungskraft, die sie beobachten – nicht, weil es ihnen explizit so beigebracht wird, sondern weil es das einzige Vorbild ist, das sie im Alltag sehen. Genau hier entsteht das Risiko, dass sich das Muster über Führungs Generationen hinweg fortsetzt, statt sich aufzulösen.

Ein dritter Faktor ist spezifisch für das Gastgewerbe: Schichtarbeit, direkter Gästekontakt und kurzfristige Personalausfälle erzeugen einen ständigen operativen Druck, der es leichter macht, eine Aufgabe schnell selbst zu erledigen, als sie sauber zu erklären und abzugeben. Kurzfristig spart das Zeit. Mittelfristig verhindert es genau die Struktur, die beim nächsten Engpass Entlastung bringen würde – ein Kreislauf, der sich von allein nicht durchbricht.

Wichtig für die Einordnung: Die Zahlen belegen nicht, dass mehr Arbeitsstunden automatisch schlechte Führung bedeuten. Sie belegen, dass überlange Arbeitszeit in Führungspositionen der Regelfall ist – und damit zur Normalität wird, ohne dass sie hinterfragt wird. Genau das ist der Punkt, an dem sich lohnt, genauer hinzuschauen: nicht ob jemand viel arbeitet, sondern woran das liegt.

Erkenntnis

Die zentrale Erkenntnis aus den Destatis-Zahlen lässt sich so zusammenfassen: Überlange Arbeitszeit bei Führungskräften ist in erster Linie ein Strukturindikator, kein Fleiß Indikator. Wo 44,5 Prozent der Selbstständigen mit Beschäftigten überlang arbeiten und gleichzeitig nur 4,1 Prozent der Angestellten, liegt der Unterschied nicht in der individuellen Leistungsbereitschaft der Führungsebene begründet – dafür ist die Differenz zu systematisch und zu branchenübergreifend. Er liegt in der Verteilung von Verantwortung, Entscheidungsbefugnis und Routinen.

Für First-Time-Leader bedeutet das: Wer die Präsenz seiner Führungskraft als Vorbild für die eigene künftige Rolle übernimmt, übernimmt möglicherweise auch das strukturelle Problem dahinter, ohne es zu merken. Der wirksamere Maßstab ist nicht Anwesenheit, sondern die Frage, ob eine Aufgabe an der richtigen Stelle im Team liegt, bevor sie zur eigenen Abendstunde wird.

Für Inhaberinnen, Inhaber und Geschäftsführungen bedeutet das: Die eigene Wochenarbeitszeit ist eine Kennzahl für den Zustand der Führungsstruktur im Haus – genauso wie Fluktuationskoeffizient oder Krankenstand. Sie lässt sich senken, ohne dass die Qualität im Betrieb leidet, wenn Entscheidungswege, Zuständigkeiten und Eskalationsregeln dokumentiert und im Team bekannt sind, statt im Kopf der Führungskraft zu bleiben. Genau an diesem Punkt setzt strukturierte Führungsarbeit an: nicht mehr Zeit investieren, sondern die vorhandene Zeit anders verteilen.

Umsetzung

Drei konkrete Schritte lassen sich ab dieser Woche umsetzen, unabhängig von der Betriebsgröße.

Erstens: eine ehrliche Wochenbilanz. Notieren Sie über sieben Tage jede Aufgabe, die Sie selbst übernommen haben, obwohl sie im Team hätte liegen können. Diese Liste allein macht sichtbar, wo Reverse Delegation im eigenen Haus tatsächlich stattfindet – meist überraschend konkret und überraschend häufig.

Zweitens: Entscheidungsregeln statt Einzelfallentscheidungen. Für die drei bis fünf häufigsten Rückfragen, die im Alltag bei Ihnen landen, lässt sich in der Regel eine klare, wiederholbare Regel formulieren, die künftig ohne Rückfrage angewendet werden kann. Das kostet einmalig etwas Zeit in der Formulierung und spart danach dauerhaft Rückfragen.

Drittens: eine feste Instanz für Führungswissen, die nicht an eine einzelne Person gebunden ist. Genau dafür ist der Führungskräfte-Ordner von ClarityLead Lab entwickelt worden: 30 Schritte, die neuen und etablierten Führungskräften im Haus dieselbe Sprache und dieselben Routinen für Delegation, Feedback und Konfliktklärung geben – digital, mit KI-Coach, unabhängig davon, wer gerade Dienst hat. Häuser, die mit dokumentierter Rollenklarheit arbeiten, berichten regelmäßig von spürbar weniger Rückfragen an die Geschäftsführung, weil Entscheidungswege im Team ankommen, statt bei einer Person zu bleiben.

Die Destatis-Zahlen sind kein Grund zur Beunruhigung, sondern ein Anlass zur Bestandsaufnahme. Wer heute prüft, wie viele der eigenen Wochenstunden strukturell vermeidbar wären, verändert nicht sofort die Statistik – aber die eigene Woche.

Quellenanhang

  1. Statistisches Bundesamt (Destatis): Pressemitteilung Nr. 263 vom 23. Juli 2026, „7 % aller Vollzeiterwerbstätigen arbeiteten 2025 mindestens 49 Stunden pro Woche“, Erstergebnisse Mikrozensus/Arbeitskräfteerhebung 2025. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/07/PD26_263_13.html

  2. ClarityLead Lab / MiJaDO UG  iG Digital Organisation: Programminhalte „Mein Führungs-System – 30 Schritte Leadership-Challenge“, unternehmensinterne Produktdokumentation.


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